Gerade wird es hell und meine Blicke suchen dich in den diffusen Schatten vor dem Fenster. Natürlich ist mein erster Blick hinaus. Dort wo ich dich vermute. Natürlich suche ich nach einem Lebenszeichen von dir auf den Wegen, die du sonst immer genommen hast. Du denkst jetzt nicht mehr an mich. Hast du mich auch vergessen, als du gegangen bist. Oder kehrtest du zurück, aber ich war nicht mehr da? Und dann einfach weg. Weg von hier. Von allem vertrauten. Dann tut es nicht so weh. Nicht in dir und nicht in mir. Hast du das gedacht?

Ich kann deinen toten Leib nicht zu Grabe tragen. Hattest du Angst davor? Ich schon. Ich habe dich so sehr geliebt. Wie lange warst du an meiner Seite? Tag für Tag. Hast meine Launen ertragen, meine Veränderungen im Leben mitgemacht. Mit deiner stoischen Ruhe. Gleichmut sprach so oft aus deinem Gesicht, doch in deinen Augen las ich, was du wirklich fühlst. Auch du hast mich geliebt. Ja, ich spreche es aus. Du hast mich geliebt, auch wenn du das nie zugegeben hättest. Deine Mitmenschen hast du so nebensächlich behandelt. Begleiterscheinungen hast du sie genannt und akzeptiert. Und so wurdest du zu einer Begleiterscheinung in meinem Leben. Mein kleiner Schatten.

Doch jetzt bist du einfach fort. Keine Sonne kann mir den Schatten wiedergeben, den ich mit dir verloren habe.

Ich stehe noch immer am Fenster. Es ist nun schon hell und ich kann die dicken mit Schnee gefüllten Wolken sehen. Wolltest du das so? Dass der Schnee dich zudeckt und du in Frieden schlafen kannst? Der kalte Regen der Nacht hat dich sicher schon erstarren lassen. Und schon der Gedanke daran schmerzt mich so sehr, dass ich den milden Schnee geradezu erhoffe, damit er dich weich umhüllt, als legte ich meinen Arm ein letztes Mal um dich und schliefe dann neben dir ein.

(für meine treue Samtpfote)