Es ist ein schöner sonniger Frühlingstag. Die Vögel zwitschern und die Luft ist lau. Doch die kleine Königin ist traurig. Ernst steht sie vor dem großen Panoramafenster ihres Palastes und schaut in den Garten. Sie wartet. Schon fünf Tage tut sie nichts anderes. Sie steht und sieht hinaus und wartet. Ihr langer samtener Mantel hängt von den schlaffen Schultern.

Hinter ihr steht ihr Obersekretär Sven.
Leise räuspert er sich, um die kleine Königin nicht zu erschrecken. Dann sagt er mitfühlend: „Noch nichts Neues, Eure Majestät?“
„Nein, nichts, Sven. Es ist nichts zu sehen.“, antwortet die Königin. Über ihr Gesicht kullern dicke Tränen.
„Ich glaube“, sagt Sven, „Ich glaube, sie wird nicht wieder kommen.“ Jetzt hat er es endlich ausgesprochen. Niemand hatte sich getraut der kleinen Königin das zu sagen. Aber so war es nun mal.
„Warum nicht?“, will die kleine Königin wissen. Und sieht ihrem großen Obersekretär in die grünen Augen. „Sie ist immer wieder gekommen. Sie hat mich doch lieb.“
„Nun ja. Natürlich hatte sie Sie lieb. Aber das ist nun mal so. Immerhin war sie schon sehr alt und ist wahrscheinlich gestorben. Irgendwo im Wald hat sie sich ein hübsches Plätzchen gesucht, sich eingekuschelt und ist gestorben.“

Vor 5 Tagen ist die Katze der kleinen Königin das letzte Mal über die Gartenmauer gesprungen und seit dem nicht zurückgekehrt. Die Katze war in der Tat schon sehr alt. Was man ihr auch ansah. Aber die kleine Königin will nichts vom Sterben wissen. Sie liebt das Tier so sehr und meint, auch die Katze würde sie so sehr lieben, da kann man nicht einfach sterben, nicht wenn einer einen so sehr liebt. Und nun ist sie verschwunden.

„So ist das in der Welt. Alle leben, alle sterben.“, sagt Sven.
„Nein, dann ist das ab jetzt nicht mehr so.“, sagt die kleine Königin trotzig. Sie dreht sich wütend zu ihrem Obersekretär um und schnaubt ihm ihren Ärger entgegen.
„Ich verbiete das Sterben. Ich bin die Königin. Und ich sage, was man darf und was nicht!“ Dabei stampft sie mit den Füßchen auf. Sie dreht sich zum Garten und ruft es bis in den Wald. „Ab heute wird nicht mehr gestorben! Das ist ein Befehl der Königin!“
Doch als sie ihren Obersekretär ansieht, sieht der gar nicht zufrieden aus. Das ist doch gut, wenn niemand mehr sterben kann. Sicher hat auch er jemanden ganz doll lieb. Die dicke Köchin vielleicht, die ihn immer heimlich den Teiglöffel abschlecken lässt. Aber warum freut sich Sven denn gar nicht?

„Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist. Jeder ist traurig, wenn jemand Liebes stirbt. Aber es gehört zum Leben dazu. Wenn niemand stirbt, was würde denn dann eine Katze essen?“
„Mäuse.“, sagt die Königin.
„Aber Mäuse leben ja auch. Wenn sie nicht sterben, dann leben sie im Bauch der Katze weiter. Was für die Maus nicht schön sein wird. Denn im Bauch ist es dunkel und die Mäusefamilie ist dann auch nicht dabei. Der Katze würde das auch nicht helfen satt zu werden. Wenn die Maus nicht tot ist, kann der Körper der Katze die Maus nicht verdauen und als Energie nutzen. Aber jede Katze braucht viel Energie, um auf Bäume zu klettern und über Mauern zu springen.“ Das ist eine lange Erklärung von Sven. Und die kleine Königin muss erst einmal darüber nachdenken. Sie geht langsam auf und ab. Der Mantel schleift hinter ihr am Boden. Wenn die Katzen statt Mäuse Petersilie essen würden, wäre das gut. Petersilie ist gesund, sagte die dicke Köchin. Also ist es auch gesund für die Katzen und alle anderen. Und für sie würde keine Petersilie mehr übrig bleiben und sie mochte Petersilie nicht.
„Und was ist mit dem Fisch, den Majestät so gerne isst?“, will Sven wissen. Der würde ja dann auch weiterleben. Im Bauch der Königin. Würde die kleine Königin nun keinen Fisch mehr essen?
„Igitt. Ich will keinen schwimmenden Fisch in meinem Bauch. Ich esse nichts was noch lebt!“, protestiert die kleine Königin.
„Aber wenn eure Majestät befehlen, dass niemand mehr sterben dürfte, dann lebt alles weiter.“
„Alles?“, fragt die Königin.
„Ja, alles. Auch Petersilie und Mohrrüben.“
Ach, und Mohrrüben mag doch die Königin so gern.

„Wenn aber alles was lebt nicht sterben darf, dann leben Möhren und Petersilie weiter, und alle Bäume. Sie werden alle wachsen und wachsen und wachsen. Es wird dann auch immer mehr Bäume und Mohrrüben und andere Pflanzen geben und viele, viele Tiere. Wenn Sie nicht auch das Vermehren und Kinderkriegen verbieten werden.“, sagt der Obersekretär mit wichtiger Miene.
„Wenn aber alle immer mehr Kinder bekommen und die Kinder groß werden und auch Kinder bekommen, ist dann bald kein Platz mehr. Wo doch dann auch alles mit Pflanzen zugewachsen sein wird.“ , nachdenklich sieht Sven sie an.
Das ist ja wirklich eine schwierige Lage, in die die kleine Königin da ihr Land gebracht hatte. Alle würden immer älter werden. Und so viele Menschen, aber nichts zu essen. Darüber muss die kleine Königin erst einmal nachdenken. Sie geht tief in Gedanken versunken zu dem großen Esszimmerschrank. Dort wo die Köchin die Handtücher und die Tischwäsche aufbewahrt. Sie schiebt einige der flauschig weichen Handtücher beiseite und legt sich oben auf zum Nachdenken. Die Tür lässt sie einen kleinen Spalt breit offen.

Sie liegt auf dem Bauch, den Mantel wie eine Decke über sich ausgebreitet und überlegt sehr angestrengt.
Wenn niemand mehr stirbt, dann gibt es kein Fleisch mehr zu essen, für niemanden. Auch alle Tiere können dann kein Fleisch mehr essen. Aber Pflanzen? Irgendwas muss man doch essen? Vielleicht ist Gemüse kein richtiges Lebewesen? Wenn also alle Gemüse essen, dann ist das doch gut und gesund. Aber hatten sie soviel Gemüse? Natürlich müssten sich die Hunde und Katzen erst daran gewöhnen Spinat und Kartoffeln zu essen. Dann dürften also Pflanzen sterben, weil man sie ja zum Essen braucht. Und weil sonst bald kein Platz zum Spielen mehr wäre, wenn überall Bäume und Sträucher wachsen würden.
Aber keine Kinder mehr kriegen? Nein, das kann sie nicht befehlen. Ohne Kinder wird es langweilig. Niemand würde mehr herumspringen und Seifenblasen jagen. Das geht nicht. Aber dann würde es bald sehr viele Menschen und Tiere geben. Sie müssten mehr Häuser bauen, dann bliebe kein Platz für die vielen Gemüsegärten, die man anlegen müsste.
Und wenn man ganz doll krank wird und nie wieder gesund. Dann ist es ja auch nicht schön, wenn man krank immer weiter lebt. Dann müsste man schon auch wieder gesund werden. Aber wenn man ganz alt ist. Ist es denn dann noch schön immer immer weiter zu leben? Man kann gar keine Seifenblasen mehr machen, weil man nicht mehr so fest pusten kann. Man kann auch nicht mehr durch die Wiesen hüpfen und Heuschrecken aufscheuchen. Wenn man alt ist, sieht man so schlecht, dass der Regenbogen nur noch grau ist. Es wäre doch viel besser lange zu leben, wenn man noch jung ist, nicht wenn man alt ist. Man dürfte erst gar nicht alt werden. Also das Älterwerden verbieten? Aber dann hat die kleine Königin gar keine Großmama und keinen Großpapa, dabei kann man mit alten Leuten so viel Spaß haben. Die können tolle Geschichten erzählen und wissen spannende Dinge von früher. Alte Leute lieben es zu kuscheln und haben immer Süßigkeiten. Auch sehen alte Leute immer lustig aus, wenn sie mit ihren zahnlosen Mündern über die Streiche der Kinder lachen. Nein, eine Welt ohne alte Leute kann sich die kleine Königin nicht vorstellen. Das ist aber auch verzwickt. Und bei diesen Überlegungen schläft die kleine Monarchin auf ihrem Wäscheturm ein. Sie zieht ihre Beinchen fest unter ihren Bauch und kuschelt sich in ihrem Versteck ein.

Als sie am Nachmittag erwacht, klettert sie vom Handtuchstapel und schiebt die leise quietschende Schranktür auf. Sie ruft nach ihrem Obersekretär.
„Sven, öffne alle Fenster und Türen des Palastes.“
Die kleine Königin klettert auf einen Stuhl der vor dem großen Panoramafenster steht und ruft in die Weiten ihres Gartens hinaus.
„An alle Untertanen. Ab heute und sofort darf wieder gestorben werden. Die Königin, das bin ich, befiehlt aber, dass nur der sterben darf, der auch einen wichtigen Grund dafür hat. Ohne Grund darf nicht gestorben werden. Das befiehlt eure Königin.“
Hinter der kleinen Königin steht feierlich Sven und lächelt milde über die Großherzigkeit seiner Monarchin.