Grillnomaden

Soll ich noch Tomaten mitnehmen, oder hatten wir die letztes Mal schon? “, fragte sie ihren Mann, als sie durch den Supermarkt schlenderten. Ihre Hoffnung auf eine hilfreiche Antwort war allerdings sehr gering. Wenn es ums Grillen geht dann, stehen für ihren Mann alle Arten von Fleisch im Vordergrund. Obwohl Elisabeth inzwischen wirklich leckere vegetarische Grillköstlichkeiten zauberte. Aber nur für Gemüse würde keiner den Grill anmachen! Seit 5 Jahren waren Jonas und Elisabeth nun Grillnomaden. Seit, ja seit….

Heute Abend Grillen wir!“, sagte Jonas zu seiner Frau, die ihn erstaunt ansah. Denn sie waren eher die Sorte Menschen, die mit einem guten Rotwein und ein paar Käsehappen die Sommerabende auf ihrer Terrasse genossen. An diesem Abend schwirrte die schwüle Abendluft und hunderte Insekten summten eine leisen Melodie. Bis dann der Grillomator auf die Terrasse trat. Angetan mit einer scheußlichen Grillschürze und mit bluttriefenden Steaks in der behandschuhten Hand. An einem merkwürdigen „Werkzeuggürtel“ hingen allerlei Grillutensilien. Fast wäre Elisabeth aus ihrem Korbstuhl gefallen. Jonas sah furcheinflößend aus. Und er hatte so ein animalisches Grinsen im Gesicht.

Elli, der Tag im Büro war schwer genug, nun muss ich Mann sein und tun, was ein Mann tun muss!“, sagte er in einer Tonlage, die seine Frau nur aus gewisse Stunden der Zweisamkeit kannte.

Was im Gottes willen hast du vor?“, fragte sie. Ihre Stimme zitterte hörbar. In all den Jahren haben sie noch nie gegrillt. Wieso wollte er ausgerechnet nun damit beginnen? Dachte sie und räumte das Feld. Sie ging in ihre vertrauten Räumlichkeiten, mit der beruhigenden Sauberkeit und Ordnung, die sie sich aufgebaut hatte. Und nun wollte Jonas alles verändern. Schon beim Gedanken daran stiegen ihr quälende Rauchwolken in die Nase. Doch noch war ihr Mann nicht soweit. Sie beobachtete durch das große Panoramafenster, wie ihr Mann die Kohlestücke einzeln in der Feuerschale drapierte. In die Zwischenräume legte er Stücke des Grillanzünders. Mit der behandschuhten Hand machte er ein Handzeichen, es sollte wohl „alles okay“ bedeuten, und dann wedelte er ihr zu, „Husch Husch“. Sie sollte anscheinend irgendetwas tun, aber was? Und dann löste sich der Schock langsam und sie begann Teller und Besteck zusammen zustellen. Als sie diese auf die Terrasse brachte, loderten kleine blaue Flämmchen aus dem Grill.

Kannst du noch etwas Brot aufschneiden?“, fragte Jonas. „Und beeil dich, nicht dass die Steaks kalt werden.“, lachte er ihr hinter her. Allerdings waren die Steaks noch kalt, denn noch lagen sie verpackt in ihrer Schale. Doch Jonas ging wohl davon aus, sie bald auf den Grill legen zu können.

Als Elisabeth ein weiteres Mal aus der Küche kam, mit dem Brotkorb in den Händen, stiegen bereits dicke Qualmwolken aus der Grillschale. Die Kohle glimmte kaum, doch Jonas hockte hustend neben dem Grill und blies hinein. Aber es ließ sich einfach kein Feuer entfachen.

Elisabeth kehrte ins Haus zurück und verschloss alle Fenster, bevor noch einer der Rauchmelder anschlug.

Sie waren nun fast 20 Jahre verheiratet, vielleicht brauchte Jonas nun so etwas. Was männliches, um sich selbst was zu beweisen. Vielleicht ist das eine Art Midlifecrisis, bloß ohne Sekretärin. Das war Elisabeth natürlich lieber. Aber musste es nun wirklich grillen sein? Hätte er sich nicht einfach eine Werkbank kaufen können und ein schiefes Vögelhäuschen bauen? Aber was soll es. Der Grill war da und der Mann auch. Oder nicht? Wo war ihr Mann. Auf der Terrasse stand eine gewaltige Wolke dunkelgrauen Rauches. Und die bewegte sich merkwürdig wedelnd.

Jonas winkte seiner Frau zu. Die ihn verwirrt beobachtet hatte. Sie wusste ja nicht, wie ihm immer das Wasser im Mund zusammen lief, wenn der Grillgeruch von den Nachbarn zu ihnen wehte und er nur an trockenem Brot und Käsestücken knabbern konnte. Und statt Bier gab es immer diesen entsetzlichen Wein, der seit einiger Zeit bei ihm Sodbrennen verursachte.

Da stand sie, seine schöne Elli, seit zwanzig Jahren, in ihrer geblümten Küchenschürze und schnitt Gürkchen und Tomaten auf. Sie war sein Traum, noch immer. Scharf, wie das Keramikmesser, das sie gerade in ihren zarten Händen hielt. Und nun musste er es ihr beweisen. Er war der Mann, ihr Mann! Und er wollte Grillen! Und er wollte Fleisch! Urinstinkte loderten in ihm auf.

Doch das Bild verschwamm. Denn der Qualm brannte entsetzlich in seinen Augen. Und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Noch immer hatte er es nicht geschafft die Grillkohle zum Glühen zu bringen, dabei hatte er doch extra den Easyanzünder genommen.

Hustend kam er in die Küche. „Das Essen dauert noch einen kleinen Moment.“

Elisabeth hatte so etwas schon geahnt. An diesem Abend aßen sie dann schließlich nur das Brot, Salat, Gurken und Tomaten, und in der Pfanne angebratene Steaks. Der Grill qualmte dazu und verlieh dem ganzen einen fast romantischen Anstrich.

Jonas versuchte es am folgenden Wochenende noch einmal, und am nächsten noch Mal und noch Mal. Zu Letzt war er so verzweifelt, dass er Spiritus aus der Garage holte und diesen über den Grill spritzte. Sofort stand der Grill in Flammen. Und märchenhaft loderte das Feuer während Jonas darum tanzte und sang, „Heute grill ich, morgen grill ich und über morgen mach ich blau.“ Doch die Flammen erloschen schnell und in der Grillschale blieb nur weiße Asche zurück. Die Restwärme reichte nicht einmal aus, um das Brot zu rösten.

Die Enttäuschung stand Jonas im Gesicht geschrieben. Elisabeth ging auf ihren Mann zu und legte tröstend ihre Hände auf seinen Arm.

Wir sollten das Grillen aufgeben.“, sagte sie liebevoll. Doch Jonas war wütend. Nicht einmal grillen konnte er. Er riss sich die Schürze vom Hals und warf sie in die Hortensien, die neben der Terrasse blühten.

Am darauf folgenden Wochenende hatte Elisabeth eine Überraschung. Sie wusste inzwischen, oder ahnte es vielmehr, wie viel ihrem Mann am Grillen lag. Und so hatte sie sich und Jonas bei den Nachbarn zum Grillen eingeladen.

Jonas war zunächst skeptisch gewesen, doch bald schon stand er mit den anderen Männern am Grill, trank Bier aus der Flasche und fachsimpelte über Grilltechniken und Fleischmarinaden.

Seine Frau genoss das Beisammensein mit den Frauen. Es war eine lockere unverbindliche Atmosphäre. Und so beschlossen Jonas und Elisabeth am nächsten Wochenende bei den anderen Nachbarn mit zu grillen. Sie brachten eingelegte Steaks und selbstgemachte Grillsaucen mit. Und schon bald sprach es sich in der Nachbarschaft herum, dass sie mit allerlei leckeren Sachen kommen, wenn man sie zum Grillen einlud.

Jonas besorgte außergewöhnliche Biersorten und Wein, legte das Fleisch 42 Stunden in selbstgemachte Marinaden ein und Elli machte die tollsten Salate, gefüllte Tomaten und Paprika und Saucen, hmmm. Und so lud man sie gern zu den Grillabenden ein.

So begann ihr Nomadenleben. Bereits im Winter planten sie ihre Wochenenden, zu wem sie gehen und was sie mitbringen würden. Sie lasen sich neue Rezepte an, schwelgten in Grillträumen und das alles bei einem Glas gutem Rotwein und ein paar Käsehappen.