Sterben kann ich morgen noch

Jeder Tag, ist ein Tag ohne dich.

Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages hier allein am Frühstückstisch sitze. Das selbe Brot, mit etwas Butter und ein bisschen Marmelade schmeckt nun fad und wird mit jedem Bissen mehr im Mund. Unsere Tochter schimpft mit mir, wenn ich nichts esse. Also esse ich. Dass das aber wie ein alter Abwaschlappen schmeckt, glaub sie mir nicht. Ich denke sowieso, dass sie mir nicht zuhört. Zu oft hab ich ihr die alten Fotos gezeigt. Ihr zu oft von früher erzählt.

Sie hört nicht mehr hin. Kaut nur gelangweilt an ihrer Unterlippe und fragt dann, „Mutti hast du auch schön gegessen?“ Ich weiß nicht, ob ich dabei schön aussah, oder besonders elegant. Was meint sie denn nur damit? Vielleicht ob ich etwas besonders lecker Angerichtetes gegessen habe? Naja, so hübsch ist das nun mal nicht, wenn ich die Schachtel von „Essen auf Rädern“ öffne. Gut, alles ist ordentlich getrennt in seinem Fach. Meistens kann man sogar erkennen, was es sein soll. Und dann esse ich schön. Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe die neue Bluse an und den hübschen blauen Rock. Dann leg ich mir Schmuck an, Ketten, Ohrringe und passende Ringe. Ich schlurfe in meinen Plüschpantinen ins Bad und schminke mir die Augen und die Lippen. Dann gehe ich am großen Spiegel im Flur vorbei und grüße die attraktive Dame im Spiegel. Zum Essen nehme ich am großen Esstisch Platz. Die Serviette fein säuberlich auf den Schoß legen und dann….. So ein Quatsch. Als ob ich so ein Brimborium für ein einsames lauwarmes Essen veranstalten würde.

Natürlich sitzt du immer mit am Tisch. Natürlich unterhalten wir uns. Ich könnte mich für dich hübsch machen. Aber wenn wir beide mal ganz ehrlich sind, seit du tot bist, hast du nicht mehr oft mit am Tisch gesessen. Aber das versteht keiner. Eben, grad eben warst du noch da. Fast 60 jahrelang hast du mit mir am Tisch gesessen. Und dir wäre es jedes Mal aufgefallen, wenn ich mich derart herausgeputzt hätte. Wir haben nur selten „schön“ gegessen. Meist saß ich mit der Küchenschürze am Tisch. Und dann haben wir gegessen und du hast mich angesehen mit diesem Blick,….., als hättest du auf noch mehr Appetit.

Ich habe schön gegessen, nicht gekleckert und fast alles aufgegessen. Sogar das Gemüse aus zerkochten faden Möhren und schrumpeligen Erbsen.

Ich habe immer so gut gekocht und gern. Hat es dir nicht immer gut geschmeckt? Und soweit ich mich erinnere auch unserer Tochter. Ich mag nicht mehr kochen. Nicht nur, weil ich dich nicht mehr verwöhnen kann. Nein, aber sie isst auch nicht mehr bei mir. Wenn ich sie zum Essen einlade sagt sie, „Mutti du brauchst dir doch nicht soviel Mühe machen. Wir gehen einfach aus.“ Am Anfang habe ich noch gekocht. Was übrig blieb, habe ich ihr mitgegeben. Aber sie hat es nie gegessen. Woher ich das weiß? Ich bin ihre Mutter, ich weiß es eben. Vielleicht koche ich wirklich nicht mehr so gut. Aber das Kochen würde mir noch Freude machen und dann in Gesellschaft essen.

Ach guck hier, weißt du noch? Da waren wir an der Ostsee. Nein, waren wir jung auf dem Foto. Du hättest mich am liebsten gleich in den Dünen vernascht. Es war ein wunderbarer Sommer. Ich spüre noch den warmen Wind auf meiner Haut. Du wolltest mich nur schnell skizzieren. Natürlich nackt. Wie hätte man sonst meine schönen weiblichen Rundungen gesehen. Das Meer rauscht mir noch heute in den Ohren. Ich hatte solche Angst, dass man uns hinter der Absperrung in den Dünen erwischt. Und du hast dich ganz locker an die sandige Düne gelehnt und ein paar Striche auf deinen Block gekritzelt. Das Bild was daraus entstanden ist, ich sehe es genau vor mir, die weichen Kurven meiner Schenkel, das Haar vom Wind zerzaust und ringsum das Dünengras. Nun ist es weg. Alles ist weg. Durch den Umzug wurde soviel fortgeworfen. Ich war ja nicht dabei. Mich haben sie einfach zu den Enkeln geschickt. Als ich dann dieses Zimmer betrat, was nun mein zu Hause sein sollte, war alles fremd. Ich fühlte mich einsamer als vorher. Neue Möbel, hübsche Gardinen, farbige Wände und sogar nichts von dir, von uns. Es riecht nicht wie zu Hause. Mit den alten Möbeln haben sie kistenweise unser Leben weggeworfen. Nur diese Fotos sind mir geblieben. Ein paar Kartons, ein Bruchteil von denen, die wir gemacht haben.

Es ist Zeit für mich. Ich sollte dir auf Wiedersehen sagen. Wenn das Bett kalt ist, muss man da nicht erfrieren? Ich habe das Glas Wasser schon bereit gestellt. Und Schlaftablettenschlucken ist für mich nicht schwer. Es werden dann heute eben ein paar mehr sein….

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Nun hat mich unsere Enkelin ganz durcheinander gebracht. Sie wollte nur mal gucken, ob es mir gut geht und mir etwas geben. Wir haben dann zusammen Kakao getrunken und ferngesehen. Als sie gegangen ist, sagte sie „Opa fehlt mir auch ganz schrecklich.“ Dann gab sie mir einen zärtlichen Kuss und ein Geschenkpäckchen. Nun sitze ich hier und habe das Papier geöffnet. Es ist ein Karton mit 365 Briefumschlägen. Auf dem obersten steht das Datum von morgen drauf. Dann liegt da noch ein Brief. Ich lese ihn dir vor:

Liebe Oma,

ich weiß ja nicht, wie du das aushältst. Mir fehlt unser Opa ganz schrecklich. Und ich kannte ihn ja nur ein paar Jahre. Viel weniger als du. Ich denke mir, dass du ihn sicher viel mehr vermisst. Sicher 60 mal so sehr. Denn du kanntest den Opa ja 60 Jahre länger als ich.

Weil du und der Opa immer da ward, war das ein ganz schöner Schock, als er plötzlich gestorben ist. Denn ich dachte nie über den Tod nach. Aber nun hab ich nur noch dich. Und wen hast du? Du hattest sicher nur den einen Mann. Wenn man zwei oder drei Männer heiraten würde, wäre man nicht so plötzlich allein. Aber dann muss man auch zwei oder drei Männer lieben. Und kein Mann war so toll wie unser Opa, da bin ich mir sicher. Also ist das schon gut, dass du nur einen Mann hattest. Der Opa hatte ja auch nur eine Frau. Und ihm wäre es jetzt sicher auch so gegangen wie dir.

Und weil du den Opa sicher sehr vermisst habe ich für dich das Geschenk gemacht. Eine Art Kalender. Du hast für jeden Tag des kommenden Jahres einen Umschlag. Darin sind kleine Überraschungen, Aufgaben und Erinnerungen. Es wird eine furchtbar anstrengende Zeit. Aber so ist eben das Leben, voller Aufgaben und immer überraschend und vor allem furchtbar anstrengend. Denk daran, du bist nicht allein. Ich bin immer für dich da, wenn du Hilfe brauchst.

Bis morgen

deine Enkelin

Wie findest du das? So ein freches Ding. Drei Männer? Nein auf Ideen kommt sie. Was siehst du mich so vorwurfsvoll an? Es ist immer nur bei einem Flirt geblieben. Das weißt du. Und hat es dir etwa nicht gefallen, wenn andere Männer sich nach deiner Frau umgedreht haben?

Was sie bloß vor hat? All die Umschläge. Für jeden Tag einer. Und immer was anderes drin. Das merkt man. Einer ist dicker, oder schwerer. Ob ich mal rein schaue? Nur in den ersten?

Was, nein? Was soll das heißen, ich muss bis morgen warten? Aber du weißt doch was wir vor hatten? Es sollte kein morgen mehr geben….

Sieh mich bitte nicht so an!

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In Ordnung, ich warte. Sterben kann ich auch morgen noch.