Vom Lesen

Ich lese gern. Ich will mich deshalb nicht als gebildet bezeichnen, aber man ist schon etwas weltgewandter. Und ich lese noch richtige Bücher! Damit will ich nicht sagen, dass ebooks keine richtigen Bücher sind. Ich meine damit eher, SMS, Whatsapp, usw. Wenn ich meinen Mann frage,“Was machst du gerade?“, dann kommt meistens ein „Ich lese etwas.“ zurück. Genau das meine ich. Heutzutage sind immer alle am lesen.

Aber meist nur irgendwelche digitalen Kurzmitteilungen. Ich dagegen lese gern Bücher und Geschichten. Natürlich komme ich seit Jahren kaum noch zum Lesen. Das letzte mal als ich so richtig, so wirklich richtig gelesen habe, war in der ersten Schwangerschaft. Die Erste? Ja, die erste. Es sind noch zwei weitere gefolgt, aber da hatte ich dann keine Zeit mehr zum Lesen. Aber die Erste. Ach war das schön. Also das Lesen meine ich. Nicht das wochenlange Wundliegen in Krankenhausbetten. Ausgemerkelt vom Krankenhausessen. Was für Vegetarier etwa genauso nahrhaft war, wie geschnetzelte Eierkartons. Da meine Schwangerschaft mit Zwillingen mich zu 2 Monaten Bettruhe zwang, nutze ich die laaange Zeit zum Lesen. Ich verschlang in diesen Wochen mehrere Romane, mit Titeln wie „Wassermelone“, „Rachel im Wunderland“ oder „Erdbeermond“. Alle waren sie aus einer Reihe und am Ende meiner Schwangerschaft war ich voll involviert in das Familienleben meiner Romanfamilie. In jedem Buch stand das chaotische Leben einer anderen Tochter im Mittelpunkt. Nach vier Romanen fühlte ich mich wie die 5. Tochter, Titel, „Fettnäpfchen mit Nachschlag“. Doch schon nach der Geburt hörte mein Leben in der Romanfamilie schlagartig auf. Ich tauchte nur noch besuchsweise in andere Romane ein, aber Aufleben oder Mitreisen konnte ich nicht mehr. Mit Kindern hat man nun mal nur noch wenig Zeit zum Lesen.

Aber es ändert sich nicht nur die freie Zeit, auch ändert sich der Lesestoff. Wenn man gerne liest, ist man für jedes Geschriebene Wort dankbar. Und so las ich die ersten Jahre erst Kinderratgeber, über Ayurvedakinder, Kinderkrankheiten, Kindermassage und Kinder spielend fördern. Dann kamen die Kinderbücher, Abzählbücher, Mein erstes Wörterbuch, und Kurze Gute-Nacht-Geschichten, usw. Anspruchsvoller waren dann die ersten selbstgeschriebenen Wörter der Kinder, „MAMA“ .

Und dann kam die Schule. Dankbar für jede Hausaufgabe, verschlang ich geradezu die Aufgabenstellungen, Lückentexte und Sachaufgaben. Selbst über die Mitteilungen der Lehrerinnen freute ich mich. Dabei war der Inhalt mir fast egal.

Mit jedem weiteren Kind, kam eine Zeit der Stille. Oder besser gesagt, des Stillens. 10 Minuten Lesezeit. Und ich kramte die alten Bücher vor und kaufte neue. Ich ließ mich erneut fallen in fremde Leben und andere Zeiten. Ich muss allerdings gestehen, dass mir mittlerweile der Schlaf wichtiger geworden ist, als das Leben einer kleinen Kaufhausverkäuferin im Paris des 19. Jahrhunderts.

Mein Lesebedarf hab ich soweit eingeschränkt, dass es schon mal die Zeitung sein darf. Ich bin kein Zeitungsleser, war ich noch nie. Mich fesselt das Politische eben überhaupt nicht. Zumindest nicht in Textform, dem kann ich gar nicht folgen. Aber Kreuzworträtsel. Ja, Kreuzworträtsel sind genau das richtige Leseformat, kurz, kompakt, spannend und man entdeckt immer was neues. Während man versucht das Rätsel, um den Kosenamen einer spanischen Königin zu lösen, muss man zunächst herausfinden, wie man widerwärtige Menschen nennt und was US-Parlamentsentscheide sind. Das kann einen schon fesseln. Nur wenn dann mein Mann zum Kühlschrank schleicht, um nach Schokolade zu suchen und mir dann über die Schulter ein „Acts. US-Parlamentsentscheide sind Acts.“ so locker dahin wirft, kann einem der Spaß daran schon vergehen. Ist doch, als wenn man schon auf der ersten Seite weiß, dass der Gärtner der Mörder ist.

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